
Fürs Atmen gibts kein Rezept
Ob Nasenatmung, Zwerchfellatmung, verbundene Atmung, Box-Breathing… kaum ein Gesundheitsthema wird derzeit so strapaziert wie die Atmung. Viele Empfehlungen aus dem breiten „Breathwork-Angebot“ klingen plausibel, doch eine genauere, fundierte Betrachtung zeichnet ein deutlich differenzierteres Bild.
Tatsächlich gibt es kaum universell gültige Atemregeln. Wer die Atmung verbessern möchte, sollte deshalb weniger auf Trends als auf individuelle Diagnostik setzen. Wer heute nach Atemtechniken sucht, stößt auf eine kaum überschaubare Zahl an Methoden. Unter dem Sammelbegriff „Breathwork“ werden Entspannungstechniken, Leistungssteigerung, Stressmanagement und sogar Heilversprechen erfolgreich vermarktet. Das Problem: Der Begriff ist wissenschaftlich nicht klar definiert. Unterschiedlichste Methoden werden unter einem Label zusammengefasst – häufig mit sehr oberflächlichen Aussagen, die sich so nicht belegen lassen.
Luftholen ist weit komplexer, als viele Ratgeber vermuten lassen. Atmen dient nicht nur der Sauerstoffaufnahme, sondern vor allem der Regulation des Gasaustauschs zwischen Sauerstoff und Kohlendioxid (CO2). Wie wir atmen, verändert sich fortlaufend – abhängig von Bewegung, emotionalem Stress, Körperhaltung, Stoffwechsel und zahlreichen weiteren Faktoren. Unser Atemmuster ist deshalb eine dynamische Anpassung an die jeweilige Situation.1
Das „Breathwork-Problem“
Ein weit verbreiteter Mythos lautet, möglichst tiefes Atmen führe automatisch zu einer besseren Sauerstoffversorgung. Tatsächlich ist der Sauerstoffgehalt des Blutes bei gesunden Menschen nicht nur in Ruhe nahezu maximal. Entscheidend für die Atemregulation ist vielmehr das Zusammenspiel mit Kohlendioxid. Wer dauerhaft mehr atmet, als der Stoffwechsel benötigt, senkt den CO2-Gehalt im Blut. Das kann Schwindel, Unruhe oder ein subjektives Gefühl von Luftnot sogar verstärken – obwohl objektiv ausreichend Sauerstoff vorhanden ist. Diese Zusammenhänge sind seit Jahrzehnten bekannt und bilden die Grundlage der modernen Atemphysiologie. 2
Gerade deshalb sind pauschale Empfehlungen wie sie in vielen „Breathwork-Sessions“ und „Breathwork-Workshops“ verbreitet werden problematisch. Aussagen wie „immer durch die Nase atmen“, „grundsätzlich langsamer atmen“ oder „tiefer atmen verbessert die Gesundheit“ können für manche Menschen sinnvoll sein – für andere jedoch wirkungslos oder sogar kontraproduktiv. Ob eine Intervention tatsächlich sinnvoll ist, lässt sich letztlich nur anhand objektiver Messdaten beurteilen.
Messbare Atmung
Eine zentrale Rolle spielt dabei die „Kapnographie“, also die Messung des Kohlendioxids in der Ausatemluft. Sie erlaubt Rückschlüsse darauf, ob jemand angemessen, zu viel oder zu wenig ventiliert. Ohne diese Information bleibt jede Atemempfehlung weitgehend eine Vermutung. Genau an diesem entscheidenden Punkt liegt die Schwäche der meisten Breathwork-Angebote: Sie arbeiten häufig mit standardisierten Übungen, ohne den individuellen Atemstatus überhaupt zu kennen. Ein seriöses Atemcoaching beginnt dagegen mit einer fundierten Analyse oder Diagnostik und orientiert sich an den tatsächlichen physiologischen Gegebenheiten.
Hinzu kommt, dass hinter Atembeschwerden nicht zwangsläufig ein „falsches Atemmuster“ steckt. Luftnot, Husten oder Engegefühl können unter anderem durch Asthma, belastungsinduzierte Bronchokonstriktion oder funktionelle Kehlkopfstörungen verursacht werden. Diese Erkrankungen benötigen eine gezielte medizinische Diagnostik und dürfen nicht vorschnell mit allgemeinen Atemübungen behandelt werden. Professionelle Atemcoaches achten daher darauf, dass bei Atemproblemen zunächst immer mögliche Pathologien ausgeschlossen werden bevor mit Atemtraining begonnen oder vielleicht sogar als Therapie in Betracht gezogen wird. 3
Was tun?
Das bedeutet allerdings nicht, dass Atemtraining grundsätzlich wirkungslos wäre. Im Gegenteil: Es gibt Evidenz, dass individuell angepasstes Atemtraining oder Atemübungen Beschwerden reduzieren, Belastbarkeit stärken und das allgemeine Wohlbefinden nachhaltig verbessern können. Entscheidend ist jedoch, dass die Methode zum Menschen passt – und nicht umgekehrt.
Drei Punkte sollten daher vor jeder Atemempfehlung stehen:
• Beschwerden und mögliche Erkrankungen abklären
• Das Atemverhalten objektiv erfassen
• Interventionen individuell auswählen und deren Wirkung überprüfen
Die Atmung erfordert mehr als einfache Patentrezepte. Gerade weil sie so eng mit Stoffwechsel, Nervensystem und Psyche verknüpft ist, braucht sie eine differenzierte Betrachtung. Vielleicht ist das wichtigste Fazit daher überraschend schlicht: Die beste Atemtechnik gibt es nicht. Es gibt nur diejenige, die zur jeweiligen Person und ihrer Physiologie passt.
1) Tipton et al. (2017); Dempsey, La Gerche & Hull (2020);
2) Casaburi et al. (1978); Aliverti (2016);
3) Harbour, Breathing – Myths and Facts; Hull et al. (2022)
Dr. Wolfgang Fellner weiß Bescheid über die Steuermechanismen unserer Atmung und die Faktoren, die unser Atemverhalten beeinflussen. Basierend auf seinem Studium in Amerika an der „Professional School of Behavioral Health Sciences“ und jahrelanger Erfahrung in Forschung und Praxis, beeindruckt Wolfgang Fellner mit fundiertem Wissen über Atemphysiologie, Verhaltensanalyse und Dysfunktionen unserer Atmung. Aus seiner Sicht gilt es den biochemischen Aspekt der…
Toleranz ist in jeder Hinsicht ein wichtiger Faktor, über den es sich lohnt nachzudenken. Im Kontext unserer Gesundheit und Atmung wird häufig von der Bedeutung der „CO₂-Toleranz“ gesprochen. Bei genauerer Betrachtung gehört jedoch vieles, was in diesen Topf geworfen wird, nicht hinein – stattdessen ist der Begriff der CO₂-Sensitivität oft passender und präziser. Aus biochemischer Sicht geht es nähmlich nicht…
Keine leichte Frage, auf die uns allerdings eine Technologie namens „Kapnografie“ eine eindeutige und objektive Antwort geben kann. Kapno-wie? Was ist das? Viele – zum Teil selbsternannte Atemexperten – haben von Kapnografie bestenfalls gehört, in den meisten Fällen aber keine Ahnung. Denn stellt sich die Frage nach gesunder Atmung, bekommt man zu oft reflexartige Antworten wie: „Nasenatmung ist gut, Mundatmung…