
VO2max – Viel PS, wenig Tempo?
Ferrari, Mercedes oder McLaren – im Motorsport weiß jeder, dass Rennen nur selten wegen der meisten PS gewonnen werden. Trotzdem behandeln viele Sportler ihre VO2max genau so: als wäre sie die eine Kennzahl, die über Sieg oder Niederlage entscheidet.
Das ist ungefähr so, als würde man einen Rennwagen ausschließlich nach seiner Motorleistung beurteilen. Denn selbst der stärkste Motor nützt wenig, wenn Reifen, Fahrwerk, Aerodynamik – oder der Fahrer – nicht mithalten können. Die VO2max sind die PS unseres biologischen Motors. Sie beschreiben die maximale Menge an Sauerstoff, die der Körper unter höchster Belastung aufnehmen, über Herz und Blut transportieren und schließlich in den Muskeln zur Energiegewinnung nutzen kann. Gemessen wird sie in Millilitern Sauerstoff pro Kilogramm Körpergewicht und Minute (ml/kg/min).
Je höher dieser Wert, desto größer ist grundsätzlich das Leistungspotenzial. Deshalb gilt die VO2max seit Jahrzehnten als Goldstandard der Ausdauerdiagnostik. Doch ihre Bedeutung reicht weit über den Sport hinaus: Heute zählt die kardiorespiratorische Fitness zu den zuverlässigsten Prädiktoren für Gesundheit und Lebenserwartung. Wer über eine gute Ausdauer verfügt, erkrankt seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes oder anderen chronischen Leiden und lebt im Durchschnitt länger.
Damit der Motor überhaupt Leistung entwickeln kann, muss Sauerstoff eine komplette Transportkette durchlaufen: Er wird eingeatmet, gelangt über die Lunge ins Blut, wird vom Herzen durch den Körper gepumpt und schließlich in den Mitochondrien der Muskulatur in Energie umgewandelt. Die VO2max wird dabei immer durch das schwächste Glied dieser Kette begrenzt. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme ist das bei gesunden Menschen meist nicht die Lunge. Sie verfügt über erhebliche Reserven, während Herzleistung, Blutvolumen und die Fähigkeit der Muskulatur, Sauerstoff zu verwerten, häufiger die eigentlichen Grenzen setzen. Nur bei einigen Spitzenathleten kann die Sauerstoffaufnahme in der Lunge unter Maximalbelastung tatsächlich limitierend werden.
Viele PS sind noch keine Bestzeit
Doch jetzt zurück auf die Rennstrecke. Ein leistungsstarker Motor ist zwar Voraussetzung für schnelle Rundenzeiten – gewonnen wird ein Rennen dadurch noch lange nicht.
Beim Menschen übernimmt die VO2max die Rolle der PS. Die Laktatschwelle ist das Getriebe und bestimmt, wie viel Motorleistung dauerhaft genutzt werden kann. Die Lauf- oder Bewegungseffizienz entspricht der Aerodynamik: Je ökonomischer sich ein Mensch bewegt, desto weniger Energie geht verloren. Die Muskulatur sind die Reifen, die die Leistung überhaupt erst auf den Asphalt bringen. Ernährung und Flüssigkeit liefern den Kraftstoff, die Thermoregulation verhindert das Überhitzen des Systems.
Und dann sitzt da noch der Fahrer
Die Psyche ist vermutlich der am meisten unterschätzte Leistungsfaktor. Sie entscheidet, wie gut Schmerzen toleriert werden, ob das Tempo richtig gewählt wird und ob im entscheidenden Moment noch einmal beschleunigt werden kann. Jeder Marathonläufer kennt den Moment, in dem nicht zuerst die Beine, sondern der Kopf signalisiert: „Es reicht.“ Motivation, Erfahrung und mentale Stärke beeinflussen deshalb maßgeblich, wie viel der theoretisch verfügbaren Leistung tatsächlich abgerufen wird.
Die meisten Wettkämpfe werden daher lange vor der VO2max entschieden. Ein Marathon wird nicht bei maximaler Sauerstoffaufnahme gelaufen, sondern knapp unterhalb der individuellen Laktatschwelle. Häufig sind mangelnde Bewegungsökonomie, muskuläre Ermüdung, leere Glykogenspeicher oder mentale Grenzen die eigentlichen Bremsen – nicht der fehlende Sauerstoff.
Den Motor kann man tunen
Die gute Nachricht: Der Motor lässt sich trainieren. Besonders wirksam sind hochintensive Intervalltrainings kombiniert mit regelmäßigem Grundlagenausdauertraining. Sie verbessern unter anderem das Schlagvolumen des Herzens, erhöhen das Blutvolumen, fördern die Kapillarisierung der Muskulatur und steigern die Anzahl der Mitochondrien. Dadurch wächst die Fähigkeit des Körpers, Sauerstoff aufzunehmen und effizient zu nutzen.
Am präzisesten wird die VO2max mittels Spiroergometrie bestimmt. Dabei werden unter steigender Belastung die Atemgase analysiert und die Sauerstoffaufnahme direkt gemessen. Feldtests wie der Cooper-Test oder der Shuttle-Run liefern brauchbare Schätzwerte, moderne Sportuhren können den Trainingsverlauf ebenfalls sinnvoll abbilden – eine Leistungsdiagnostik im Labor ersetzen sie jedoch nicht.
Vielleicht liegt genau darin die größte Stärke der VO2max: Sie verrät, wie groß der Motor ist und liefert gleichzeitig wertvolle Hinweise auf Gesundheit und Lebenserwartung. Wer allerdings nur auf die PS schaut, übersieht, was im Motorsport wie im Ausdauersport wirklich zählt: Gewonnen wird nicht mit dem stärksten Motor, sondern mit dem besten Gesamtpaket – einem starken Motor, einem effizienten Fahrwerk, guten Reifen und einem Fahrer, der im entscheidenden Moment den Mut hat, das Gaspedal durchzutreten.
Blair SN et al. Physical Fitness and All-Cause Mortality. JAMA. 1989;262(17):2395–2401. Die Langzeitstudie mit über 13.000 Erwachsenen zeigte erstmals eindrücklich, dass eine hohe kardiorespiratorische Fitness mit einer deutlich geringeren Gesamt- und Herz-Kreislauf-Sterblichkeit verbunden ist.
Kodama S et al. Cardiorespiratory Fitness as a Quantitative Predictor of All-Cause Mortality and Cardiovascular Events. JAMA. 2009;301(19):2024–2035. Die Metaanalyse von mehr als 100.000 Personen zeigte, dass bereits eine Verbesserung der Ausdauerleistung um 1 MET die Gesamtsterblichkeit um rund 13 % und das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse um etwa 15 % senkt.
Ross R et al. Importance of Assessing Cardiorespiratory Fitness in Clinical Practice: A Case for Fitness as a Clinical Vital Sign. Circulation. 2016;134:e653–e699. Die wissenschaftliche Stellungnahme der American Heart Association empfiehlt, die kardiorespiratorische Fitness als klinischen Vitalparameter ähnlich selbstverständlich zu erfassen wie Blutdruck oder Cholesterin.
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