Nasenabdruck statt Fingerabdruck?

Nasenabdruck statt Fingerabdruck?

Eine Studie des Weizmann-Instituts untersuchte die Geheimnisse unserer „nasalen Fingerabdrücke“.

Stellen Sie sich vor, Ihre Nase könnte mehr über Sie verraten als Ihr Fingerabdruck oder Ihre Stimme. Die im Juli 2025 publizierte Studie zeigt, dass jeder Mensch eine einzigartige „Nasen-Atemsignatur“ besitzt, die nicht nur zur Identifikation dienen kann, sondern auch Hinweise auf Gesundheit, Stimmung und kognitive Fähigkeiten liefert.

Atmen – eine so alltägliche Tätigkeit, dass wir ihr kaum Beachtung schenken. Doch hinter jedem Atemzug verbirgt sich ein faszinierendes Geheimnis: Unsere Atmung ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Forscher des Weizmann-Instituts in Israel haben herausgefunden, dass die Art und Weise, wie wir durch die Nase atmen, uns einzigartig macht. Diese „nasale Atemsignatur“ bleibt laut Studie über lange Zeiträume stabil und könnte in Zukunft eine Schlüsselrolle in der Medizin und Psychologie spielen.

Biomarker Atemmuster

Die Wissenschaftler entwickelten ein tragbares Gerät, den sogenannten „Nasal Holter“, der die Luftströmung durch die Nasenlöcher über 24 Stunden hinweg präzise misst und aufzeichnet. Mit einer beeindruckenden Genauigkeit von 96,8 % konnten sie die Teilnehmer der Studie allein anhand ihrer Atemmuster identifizieren – eine Leistung, die sogar die Genauigkeit der Stimmerkennung übertrifft. Selbst nach fast zwei Jahren blieben die Atemsignaturen der Teilnehmer stabil, was die Forscher dazu veranlasste, diese als biometrisches Identifikationsmerkmal zu betrachten.

Neue Erkenntnisse

Doch die Entdeckungen gehen weit über eine bloße Methode zur Identifikation hinaus. Die Studie zeigt weiter, dass die Atemmuster eines Menschen wertvolle Informationen über seinen Gesundheitszustand, seine Stimmung und sogar seine kognitiven Fähigkeiten liefern können. So konnten die Forscher beispielsweise Zusammenhänge zwischen Atemmustern und dem Body-Mass-Index (BMI), dem Grad der Depression und Angst sowie autistischen Verhaltensmerkmalen feststellen. Atempausen, die Dauer von Ein- und Ausatmungen sowie die asymmetrische Luftströmung zwischen den Nasenlöchern – der sogenannte Nasenzyklus – erwiesen sich in diesem Zusammenhang als besonders aufschlussreich.

Die Ergebnisse der Studie werfen ein neues Licht auf die Rolle der Atmung im Zusammenspiel mit dem Gehirn. Die Atmung wird von einem komplexen Netzwerk im Gehirn gesteuert, das nicht nur die physiologischen Bedürfnisse reguliert, sondern auch mit emotionalen und kognitiven Prozessen verknüpft ist. Frühere Forschungen haben gezeigt, dass die Phase der Nasenatmung die neuronale Aktivität beeinflussen und sogar die Gedächtnisbildung und -abruf sowie die Verarbeitung von Emotionen und sensorischen Informationen modulieren kann. Die neue Studie bestätigt diese Zusammenhänge und zeigt, dass die langfristige Messung der Nasenatmung ein neues Fenster in die Funktionsweise unseres Gehirns öffnen könnte.

Die Forscher sind überzeugt, dass ihre Entdeckungen weitreichende Anwendungen in der Medizin und Forschung haben könnten. Von der Diagnose neurologischer Erkrankungen bis hin zur Überwachung des emotionalen Wohlbefindens – die nasale Atemsignatur könnte ein wertvolles Werkzeug für die Zukunft sein.

Die Studie zeigt, dass unsere Nasen nicht nur zum Riechen da sind, sondern auch als Fenster zu unserer inneren Welt dienen können. Vielleicht verändern die die „Superkräfte“ unserer Nasen nicht nur die Zukunft der Medizin sondern auch die der Psychologie…

Wer hätte gedacht, dass ein einfacher Atemzug so viel über uns verraten kann?


Soroka et al., 2025, Current Biology 35, 3011–3021

July 7, 2025 © 2025 The Authors. Published by Elsevier Inc.

https://doi.org/10.1016/j.cub.2025.05.008


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