Winterschlaf à la Mensch

Winterschlaf à la Mensch

Hollywood-Science-Fiction? Nein, Wissenschaftler beschäftigen sich ernsthaft mit diesen „Sauerstoff- und Energiesparmodus für Menschen“ – genannt „Torpor“ – der unseren Körper in Zukunft in eine Art Mini-Winterschlaf schicken könnte.

Stell dir vor, du liegst entspannt und gemütlich in einem Zustand zwischen Schlaf und Tiefschlaf. Der Herzschlag sinkt, die Atmung wird langsamer, flacher und effizienter, und dein Körper benötigt nur noch einen Bruchteil des Sauerstoffs, den er im aktiven Zustand verbraucht. Die Atemzentren im Gehirn wechseln auf Sparbetrieb: weniger Atemzüge, geringeres Atemvolumen, dafür eine optimierte Sauerstoffaufnahme auf Zellebene….

Die Idee, den menschlichen Stoffwechsel gezielt herunterzufahren, ist nicht neu. In der Tierwelt kennt man diesen Zustand seit Jahrmillionen: Tiere wie Murmeltiere, Bären oder sogar Kolibris reduzieren während Winterschlaf oder Torpor ihren Energie- und Sauerstoffbedarf dramatisch. Dabei spielt die Atmung eine Schlüsselrolle. Die Atemfrequenz sinkt teils auf wenige Atemzüge pro Minute, der Gasaustausch wird effizienter, und die Tiere tolerieren höhere CO₂-Werte im Blut – etwas, das beim Menschen normalerweise sofort Atemnot auslösen würde. Solche Zustände senken unsere Herzfrequenz, die Körpertemperatur und den Atemantrieb auf ein Minimum – eine effektive Strategie, um harte Zeiten zu überstehen.

Wie funktioniert Torpor – und was hat der Atem damit zu tun?

Im Kern geht es um ein Herunterfahren des Stoffwechsels – und damit eng verknüpft um eine Anpassung der Atmung. Zellen verbrauchen weniger Energie, mitochondriale Prozesse laufen langsamer ab, und der Sauerstoffbedarf sinkt drastisch. Gleichzeitig reagieren Atemzentren im Hirnstamm weniger empfindlich auf steigende CO₂-Werte. Bei Tieren im Winterschlaf kann der Stoffwechsel auf wenige Prozent des Normalwertes fallen, während gleichzeitig die Atmung so weit reduziert wird, dass zwischen zwei Atemzügen Minuten liegen können. 1)

Forscher haben inzwischen Schlüsselmechanismen identifiziert, die diesen Energiesparmodus steuern. So konnten Wissenschaftler bestimmte neuronale Schaltkreise im Hypothalamus von Mäusen ausfindig machen, deren Aktivierung den Torpor-Zustand auslöst. Diese Schaltkreise beeinflussen nicht nur Temperatur und Herzfrequenz, sondern greifen auch direkt in die Atemregulation ein. Mäuse, die normalerweise nicht über längere Zeiträume in Torpor fallen, zeigten nach gezielter Stimulation eine deutliche Absenkung von Herzfrequenz, Stoffwechsel und Atemrate. 2)

Stand der Wissenschaft

Bislang ist Torpor bei Menschen natürlich noch eine Zukunftsvision – dem Mensch fehlt die genetische Anlage echter Winterschläfer. Doch Studien zeigen, dass ähnliche Zustände künstlich herbeigeführt werden könnten. Einige Ansätze verfolgen pharmakologische Wege, andere nutzen ultraschallbasierte Stimulation des Gehirns, um die entsprechenden neuronalen Zentren zu aktivieren.
Dabei rückt natürlich auch die Atmung in den Fokus: Ziel ist es, den Atemantrieb kontrolliert zu senken, ohne Atemstillstand oder Sauerstoffmangel zu riskieren. Erste Experimente bei Mäusen und Ratten führten zu einem vorübergehenden Abfall der Körpertemperatur, der metabolischen Aktivität und des Atemvolumens, bei gleichzeitig stabiler Sauerstoffsättigung. 3)

Parallel dazu arbeiten Forscher auch an Verfahren, die den Stoffwechsel während medizinischer Notfälle kontrolliert drosseln könnten – etwa nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. Eine verlangsamte, effizientere Atmung könnte dabei helfen, den Sauerstoffverbrauch des Gehirns zu reduzieren und Zellen länger vor Schäden durch Sauerstoffmangel (Hypoxie) zu schützen.

Medizinische und technologische Visionen

Die potenziellen Anwendungen wären spektakulär. In der Intensivmedizin könnte ein künstlicher Energiesparmodus die Behandlungszeit und auch die Behandlungsmethoden dramatisch verändern.
In der Raumfahrt träumen Experten davon, Astronauten für Langzeitmissionen in einen Torpor-Zustand zu versetzen. Eine extrem reduzierte Atemfrequenz würde nicht nur den Bedarf an Sauerstoff und Lebenserhaltungssystemen drastisch senken, sondern auch Stress, Muskelabbau und oxidativen Zellschäden entgegenwirken.

Bis es allerdings soweit ist, gibt es noch einige hohe Hürden zu überwinden. Besonders die sichere Kontrolle der Atmung ist kritisch: Wird sie zu stark gedämpft, drohen Atemstillstand oder CO₂-Narkose. Zudem müssen mögliche Langzeitfolgen für Gehirnfunktion, Atemmuskulatur und das Immunsystem erforscht und verstanden werden, bevor ein sicherer „Menschen-Winterschlaf“ Realität wird. 4)

Nicht wenige Forscher schätzen, dass es zwar noch Jahrzehnte intensiver Arbeit braucht, bevor wir Menschen in einen kontrollierten Torpor-Zustand versetzen können. Doch die Fortschritte sind bereits heute beachtlich: Die Identifikation neuronaler Schalter über die gezielte Beeinflussung des Atemzentrums bis hin zu nicht-invasiven Stimulationsmethoden rücken die Vision eines Energiespar-Winterschlafs näher. In einer nicht allzu fernen Zukunft könnte dieser „Atem- und Sauerstoff-Sparmodus“ also nicht nur Leben retten, sondern uns auch helfen, die Sterne zu erreichen.



1) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17555547/?utm_source=chatgpt.com „Central nervous system regulation of mammalian hibernation: implications for metabolic suppression and ischemia tolerance – PubMed“
2) https://www.sciencedaily.com/releases/2020/06/200611133101.htm?utm_source=chatgpt.com „Neuroscientists discover neural circuits that control hibernation-like behaviors in mice | ScienceDaily“
3) https://phys.org/news/2023-08-ultrasound-briefly-hibernation-like-state-animals.html?utm_source=chatgpt.com „Ultrasound can briefly induce a hibernation-like state in animals“
4) https://www.derstandard.at/story/2000135660752/halten-menschen-kuenftig-winterschlaf?utm_source=chatgpt.com „Halten Menschen künftig Winterschlaf? – Edition Zukunft – derStandard.at › Edition Zukunft“





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